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Ein heimlichst entwendetes Dokument aus dem Palast zu Tikon

Kapitel 40: Pokrok


Im Herbst des Jahres 58 GT, also zwischen 24. und 26. November 1995 auf der Beguttenalp in der Nähe von Aarau in der Schweiz. Ein Bericht von Grossvezier Rereshqala, Vorsteher des Rats der Veziere ihrer vielgepriesenen Geheiltheit Prinz und Kalif Nathanaël.


Es war schon zum vorneherein schleierhaft, was den Emir Gunbar Tswo bewegt haben könnte, allenthalben vielerseits Volk auf den Sandberg, seine schlammige Herbst-Residenz, einzuladen, denn die blosse Tradition, dies immer vor dem Wechsel seiner Residenz zu tun konnte es nicht sein, hatte er den Sandberg doch fernab von allen Audienzen in aller Stille bezogen. Wir waren also gespannt, als wir uns mit Perefor Ziut, Haupt und Erzmagus in Sachen Magiekollektorey trafen, um uns von seinem Teppich nach dem Sandberg teleportieren zu lassen, wohlbewusst, dass unsere Gewänder Perefors berüchtigte Landungen nur mit geschmacklichen Nachwehen überstehen würden, aber das war immer noch besser, als wenn die Kamele im Schlamm, von dem uns berichtet worden war, steckenbleiben würde. Ganz zu schweigen davon, dass Perefor ein äusserst stressiger Reisepartner sein kann, aber das sei nur so am Rande erwähnt.

Wie erwartet landeten wir in rauchiger Athmosphäre und sahen uns sogleich mit einer Saalräumung konfrontiert, die der übereifrige Castellan in all dem Rauch ausgerufen hatte - aber er liess sich wieder beruhigen, ohne dass Panik entstanden wäre.

Überrascht stellten wir fest, dass Emir Gunbar Tswo nicht anwesend, aber orakelgläubig wie er war, bereits ins nahe gelegene Kevatal zum dortigen Orakel abgereist war. Verstimmt nahmen wir zur Kenntnis, dass er nur seinen Berater J'Osui al Môrdreddh, uns längst aus unzähligen Intrigen bekannt, hinterlassen hatte, und wir uns alsbald fragten, was das ganze eigentlich sollte, war doch ein halbes Heer von Cer-Telluriern aus Norden herangezogen, die sich unter Anführung von Obrist Thorfinn zwar als Delegation ausgaben, aber auf J'Osui mit nachhaltiger Ablehnung reagierten, so dass wir uns vornahmen, uns nicht in das Geschehen verwickeln zu lassen um unsere hervorragenden Beziehungen zu Cer-Tellurien nicht aufs Spiel zu setzen. Wir beliessen es also beim üblichen Austausch von Grussworten und zogen uns in Richtung der Delegation aus Wexxel zurück, von der wir erhofften einigen Beistand in einer delikaten Angelegenheit erhalten zu können, mit der wir uns herumschlugen.

Der geneigte Leser wird interesiert sein zu erfahren, dass Wexxel, zwar immer noch unbestrittenermassen ein Teil des Kalifats vor unlängster Zeit zur freien Oasenstadt erhoben und folglich ziemlich autonom verwaltet wird. Der Statthalter von Wexxel, Ghilean aus Wexxel, war ein ganz passabler Schreiber gewesen, bevor er auf einigermassen undurchsichtige Art und Weise zu seinem Posten gekommen war. Er ist, was man ihm auch schon bald anmerkt mit Leib und Seele bei der Arbeit und es hat den Anschein, als ob er alles zur besten Zufriedenheit erfüllte. Nun, wir hofften, er würde uns mithelfen, Gloozi ben Noën, seineszeichens Gartenhauptmann und folglich mit seiner spritzigen Art zuständig für die kalifische Garde, auf den rechten Weg und damit unter unseren schützenden Turban zurückzuführen, hatte er sich doch immer mehr von uns entfernt, und wir hatten allen Grund zu glauben, in ihm einen Spion des Emirs zu sehen, der nicht von antitikonischen Aktionen zurückschrecken würde.

Ghilean von Wexxel gesellte sich also alsbald zu Gloozi und befragte ihn, zu seiner Meinung über den neuen Vertrag, den der Vezier, also unsermeine Weniglichkeit, mit den Shil-o-manen abzuschliessen gewillt war. Schloss dieser Vertrag doch die Abtretung eines kleinen Zipfelchens Land an die Königin mit ein, just dort wo Gloozi plante seinen Lebensabend als Wirt des vergilbten Einhorns, das er neu renoviert hatte, zu beschliessen. Nicht lange, und Gloozi wandte sich mit den schlimmsten Befürchtungen an mich - es ist wohl nicht nötig zu erwähnen, dass es mir ein leichtes war, ihn zu beruhigen und ihn von unserer tiefen Sympathie zu überzeugen, worauf er offen zugab, mit dem Emir unter einer Decke zu stecken. Diese Offenheit beschämte uns zutiefst, und wir entschlossen ihn zu schonen, als Zeichen unserer Grossherzigkeit, die gar nicht genug gelobt werden kann.

Im Verlauf des Abends erfuhren wir noch vom wahren Ziel des Emirs bei diesem Treffen. Er erhoffte sich dank Freiwilligen Klarheit über die Existenz einer Spiegelwelt Arynua - oder so. Wir waren uns natürlich voll im klaren darüber, dass das wieder einem der emirischen Fieberträume entspringen musste und entschlossen uns keinesfalls freiwillig zu sein, sondern verabredeten uns mit Perefor, dem kevataler Händler Herrn Ifriit, Ghilean aus Wexxel sowie seiner reizenden Beraterin Gajiness Sja'Tallonach ins Dampfbad, das wir am nächsten Tag aufzusuchen gedachten.

In der Kemenate war uns schon bald klar, wie sich der Emir, dieser Fuchs das gedacht hatte. Sollte irgendetwas passieren mit seinen Freiwilligen, dann wäre er fernab und somit ohne Schuld. Die mit ihm befreundeten Druiden von Marils, die uns Gunbar Tswo überhaupt erst beschert hatten waren auch sonderbarerseits abwesend und wir schlossen vorsichtshalber die Türe besonders gut ab.

Wir waren kaum eingeschlafen, als wir Getrampel vernahmen und schon bald darauf Kampfeslärm. Von schlimmen Monstern war die Rede, als wir am nächsten Morgen unsere Verbündeten befragten, denn wir hatten es nicht gewagt, unser Gemach zu verlassen, waren wir doch etwas ängstlich geworden in letzter Zeit. Das Experiment war also gescheitert, die Wesen aus der Spiegelwelt waren in die Nacht entkommen und statt ihrer Anwesenheit hatte sich J'Osui mit einer Ansammlung von üblen Zombies und Geistern abzufinden. Was uns mehr erstaunte, war aber, dass Prinz und Kalif Nathanaël in der Nacht aufgetaucht sei. Das überrascht uns weniger als es vielleicht den Anschein haben mag, denn die Gerüchte um seine bevorstehende Rückkehr hatten sich in letzter Zeit gemehrt. Aber warum ausgerechnet auf dem Sandberg? Auf jeden Fall war er bereits in der Nacht, nachdem er von Perefor und einer elfischen Heilerin, die aber nach übereinstimmenden Angaben allem anderen als einer keuschen Heilerin glich, von einer seltsamen Krankheit befreit worden war, nach Tikon aufgebrochen. Eigentlich vermochte uns nur noch das Dampfbad und die Aussicht, noch hier auf dem Sandberg die Lösung des leidigen Problems um Ghîlan al Taëbris zu erreichen, halten.

Das Dampfbad liess sich ganz gut an, auch wenn Herr Ifriit noch seinen Träger mitschleppte, was uns etwas die Nase rümpfen liess. Nun ja fremdes Volk, fremde Badegewohnheiten. Schlussendlich aber platzte die Bombe, Ghilean aus Wexxel lud Perefor ein, als Hofmagus nach Wexxel zu kommen, was uns absolut vor den Turban stiess. Zunächst sahen wir alles nur noch pusluh, aber dann dämmerte es uns: Ghilean glaubte nun, als Komplize beim hintera Licht führen von Gloozi, sich einen solchen Coup erlauben zu können. Schnell erkannten wir, dass er gewillt war auf's Ganze zu gehen, stellte er dem ach so eitlen Perefor doch geradewegs in Aussicht, ihn eventuell das eine oder andere mal in die Gemächer der abwesenden Fürstin Aressia von Wexxel, die ja Ghilean vertrat, zu lassen, denn inzwischen wussten es sogar die Waschweiber am Li-Fluss, dass Perefor nicht nur ein Auge auf Aressia geworfen hatte. Nun, wir machten uns keine Illusionen darüber, dass diese Schlacht verloren war, bevor wir sie noch ganz mitbekommen hatten, denn mit solchen Mitteln waren wir natürlich nicht gewillt zu kämpfen. Perefor war doch ein elendiglicher Frauenheld und ein schlechter noch dazu. Ganz abgesehen von seiner schrecklichen Eitelkeit, die ihn den Honig, den man ihm um den Mund schmierte mit Schmatzen verschlingen liess. Verflucht sei der Sand, den seine Schnabelschuhe berühren. Vor wenigen Monaten noch waren wir beneidet worden, ob der zwei Hofmagier, die wir besassen: Erzmagus Perefor und Ghîlan al Taëbris, die sich dank all der gegenseitigen Abneigung so herrlich manipulieren liessen. Aber nun, Ghîlan hatte Wolf von Dystertor wiedererweckt, nicht ohne dabei, als ob Wolf nicht schon genug gewesen wäre, vier unschuldige Kinder Tsuffahls zu opfern. Selbstverständlich, dass er es nicht mehr wagte, das Kalifat zu betreten, wo ihn der Scharfrichter erwartete. Wir machten also gute Miene zum bösen Spiel und verspeisten die letzten süssen Häppchen, die Ghilean zur Unterstützung seiner Argumente Perefor offeriert hatte.

Der Abend brachte die unnötige Bekanntschaft von Scheich Hammar ak Hammah, Führer der Pyr-o-manen, dem lokalen Stamm, der den Sandberg unterhielt. Dieser Tunichtgut erlaubte es sich, unsermeine geschäftige Weniglichkeit alsbald aus verschiedenen Diskussionen, wichtigen Verhandlungen und auch sonst immer im falschen Moment an seinen Tisch rufen zu lassen, um mit ihm auf seine Gesprächspartnerinnen anzustossen, um uns zu unserer Gesundheit zu befragen und überhaupt um allerlei unnötige Dinge zu besprechen. Seine Gesprächspartnerinnen überzeugten übrigens nicht gerade durch besonderen Intellekt, bekamen wir doch mit, wie eine weitgereiste Dame ihn auf seine Flaschengeistzüchtungen ansprach, von denen sie schon viel gehört hatte.

Pandora, Begründerin des Oktagon, der allmagischen Akademie überraschte uns nach einiger ungeschickter Sucherei und allerlei Verwünschungen zuhanden Ihres Gehülfen, mit der endgültigen Fassung eines Stipendienvertrages, der es dem Kalifat erlaubte, jährlich den einen oder anderen Adepten zur Ausbildung ins Oktagon zu schicken. Gloozi war es inzwischen gelungen, den Streit zwischen J'Osui und den Cer-Telluriern zu schlichten, der fast zu einer Eskalation geführt hätte, als J'Osui Thorfinn einen Feigling nannte.

Überraschender war allerdings, als plötzlich König Bogumil XIII den Saal betrat; mit Kerze und Schlafanzug notabene. Er meinte, eben noch auf der Starkenburg geweilt zu haben und nun magischerweils hierher transportiert worden zu sein - es überrascht nicht, dass sein Hauptverdacht auf J'Osui fiel, den er alsbald nicht als Erzmagus sondern als Taschenspieler betitelte. J'Osuis Gelassenheit angesichts dieser Beleidigung erstaunte uns doch sehr - er hatte doch einiges von seinem Temperament eingbüsst in seiner Zeit am Hofe des Emirs. Eigentlich konnte das nur an druidischen Kräutertees liegen, wie wir ziemlich bald mit uns selbst übereinkamen.

Man brachte Bogumil also standesgemässe Kleidung. Schade, dass Gunbar nicht anwesend war, denn wir hätten von diesem Zusammentreffen einen netten Konflikt erwartet, in dessen Rahmen wir sicher das eine oder andere Zugeständnis und Regal erhalten hätten. Nun ja, Bogumil gefiel sich in langweiligen Erzählungen, die noch von Herold Habakuk untermalt wurden, der uns wieder einmal in mehr als nur eine peinliche Situation brachte; ist sein delikates Verhältnis zu Bogumil doch hinlänglich bekannt. Trotzdem gelang es uns Bogumil durch geschickte Gesprächstaktik das eine oder andere Lob bei angespannt lauschendem Festsaal zu entlocken und schlussendlich die Weiterführung des Status quo, also der weitestgehenden Freiheit des Kalifats verkünden zu lassen, worauf wir uns beruhigt zurückzogen.

Doch kaum ausgezogen klopfte Gajiness, die Beraterin von Ghilean, an die Kemenate und wir erfuhren, dass Ghilean mit dem verwunschenen Ghîlan zur Stunde in einer Nebenkammer des Kellers verhandle. Im Nu waren wir wieder angezogen und liessen uns hinunterführen, nicht ohne die nötigen Vorsichtsmassnahmen zu treffen. Insgeheim dachten wir sogar daran, dass die blutrünstige Bestie Ghîlan Ghilean vielleicht längst zerfleischt hatte, versagten uns aber sogleich solche Rachegedanken, so sehr vermissten wir Perefor nun auch wieder nicht. Ghîlan versuchte uns auf seine Wichtigkeit in einem Allfälligen Konflikt mit RA-Magus Radulf aufmerksam zu machen, der seiner Meinung nach bevorstand, aber wir liessen uns nicht von unseren Prinzipien abbringen, sondern machten ihn wieder und wieder auf seine Taten aufmerksam, die ihm nur schon zu bald Kopf und Kragen kosten würden. Aber wieder einmal machte uns unser gutes Herz einen Strich durch die Rechnung, und wir willigten ein, Ghîlan auf Hazrat Akhran schwören zu lassen, nie mehr Magie zu wirken, alle Magie dem Gott darzureichen und zukünftig ein uns gefälliges Leben in der wieder aufzubauenden Akademie in Tingen zu führen, die er als Mentor leiten sollte. Zur Kontrolle wurde ein Stiftungsrat ins Leben gerufen, dem Ghîlan, Ghilean aus Wexxel, Perefor Ziut und nicht zuletzt wir selbst angehören.

Erfüllt machten wir uns auf in unser Gemach, mit lauter Vorfreude, Kalif Nathanaël nach unserer Rückkehr ins Kalifat schon bald mit besten Nachrichten überraschen zu können. Der leidige Verlust von Perefor Ziut, oder doch zumindest eines Teils desselben, denn er beabsichtigte, die Ämter in Personalunion zu bestreiten, brauchten wir ihm ja nicht schon am ersten Tag auf die Nase zu binden.


Geschrieben von folini; zum letzten mal bearbeitet von GbO am 30 Nov 2002