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Ein kleines Tractat

Von der Art der Magie


Entgegen den vielen Irrtümern, betreffend die Art der Magie, geschrieben von Saghshed ben Wak-Wak



Ein kleines Tractat

Von der Art der Magie

Entgegen den vielen Irrtümern, betreffend die Art der Magie,
geschrieben von Saghshed ben Wak-Wak


Wir Masam Saghshed ben Wak-Wak, Manenmagier zu Tikon entbieten Euch, Masams und Masamas den Gruss, zu Ehren Akhrans und zur Ehre unserer Kunst.
Nachdem ich lange Jahre den Ausführungen von Erzmagus Masam J'Osui, von Masam Zentax und den anderen Doctores in der Akademie zu Tingen lauschen durfte; nachdem mich Izmir Aegal über die Art der Manenmagie belehrte; nachdem Hazrat Akhran es mir vergönnte im Hause von Haupt- und Erzmagus Perefor Ziut in dessen gelehrte und wohlbedachte Theorien Einsicht zu erhalten, fällt mir nicht einfach, alles, was ich gelernt habe, was mir befohlen wurde zu glauben, einander ergänzend gegenüberzustellen oder als falsch wieder zu verwerfen. Denn es erscheint mir fragwürdig, eine andere Theorie zu verdammen, nur um die eigene zu rechtfertigen. Als einfacher Magus, kaum dem Adeptenalter entwachsen scheue ich davor zurück, mich auf eine Stufe mit meinen einstigen Lehrmeistern zu stellen.
Trotzdem scheint es mir gerechtfertigt, meine Gedanken auch anderen zugänglich zu machen, denn es kann der Sache nicht von Nutzen sein, das Wissen nur für sich zu behalten. Meine Gedanken haben das Ziel, eine Übereinkunft von der Art der Magie zu finden, denn ich glaube Gründe anführen zu können, dass keine der mir bekannten Theorien zutreffen kann.
Dieses Tractat stellt somit auch eine Aufforderung dar an sämtliche Magi, mit mir in Diskurs zu treten, um letzten Endes zu einer Übereinkunft zu kommen.
Magie existiert. Das sei unsere erste Prämisse. Ihre Existenz braucht nicht bewiesen zu werden, denn jedem Wesen sind ihre Erscheinungsformen wohlbekannt. Magie besitzt einen Ursprung. Das sei unsere zweite Prämisse. Denn nichts das ist, ist ohne Ursprung es sei denn es seien die Götter der Väter, von denen wiederum alles entsprungen ist, das ist.
Es ist dieser Ursprung, über den sich in meiner Studienzeit die Herren Masam J'Osui al Môrdreddh und Zentax hoffnunglos zerstritten. Ist es doch so, dass J'Osui die Wirkung der Magie in verschiedene Circuli unterteilt, denen er verschiedene Schulen zuordnet, die - wenngleich formaler Natur - dennoch eigene Spezialisten hervorzubringen vermochten. Zentax wiederum unterteilte die Herkunft der Magie in mehrere Circuli, namentlich fünf, deren magische Energie der Magier zu beschwören trachte, um sie in die von ihm gewünschte Form zu bringen.
Die beiden lieferten sich unerbittliche Wortgefechte, die letzten Endes auf einer unterschiedlichen Interpretation einer anonymen Handschrift aus der Zeit lange vor der Gründung Tikons stammt, die wohl aber auch ein Raub der Flammen wurde, welche die Akademie und Bibliothek zu Tingen in den Tagen des grossen Pandaymoniums zerstörten.
In meiner jugendlichen Unwissenheit neigte ich eher Zentax zu, auch wenn ich letzten Endes die Idee der fünf Zirkel verwarf und sie in meinen Gedanken auf nunmehr drei urmagische Kräfte, Alagh-Ma, Sabegh-Ma und Tabet-Ma reduzierte, denn wie die Optik uns lehrt, braucht es nur drei Farben, um jede Farbe hervorbringen zu können, und da es sich bei den Circuli arcani, genauso wie bei der beabsichtigten Wirkung, die J'Osui ja auch in Circuli unterteilt, wiederum um Kreise handelt, die Parallele zum Farbkreis also besteht, erlaubte ich mir diesen Syllogismus. Eine treffende Feststellung wie mir scheint, denn nur so lassen sich die weiteren Beobachtungen, die ich anstellte mit der Natur in Einklang bringen.
Doch zurück zu unseren Prämissen. Wir haben den Ursprung der Magie festgestellt, und nun sind wir so weit, das Zaubern zu beschreiben.
Magie lässt sich steuern. Unsere dritte Prämisse. Magie wirken bedeutet, Magie steuern. Die Stärke eines Magiers ergibt sich aus der Menge der Magie, die er zu steuern im Stande ist.
Damit ist das Wesen mancher einfacher, um nicht zu sagen primitiver, Magiearten hinreichend erklärt. Ist es doch so, dass der Druide, der seine Magie aus der Natur bezieht, um sie zu wirken, nichts anderes tut, als die Magie, die der Mutter Natur innewohnt zu benutzen, sie zu seinen Gunsten zu steuern. Der Hexer, der die astralen Kräfte, die ihm seine Macht geben, anruft, um ihm ihre Magie zu geben, macht nichts anderes als Magie steuern.
Wenn nun Magie aber einen Ursprung besitzt, und sich steuern lässt, dann liegt der Syllogismus auf der Hand, dass sie auch in einem Metazustand verweilen kann. Und in der Tat, es braucht keine grossen Fähigkeiten um aufzuzeigen, dass der Vorgang, der einem Heiler hilft, Magie in Form von heilenden magischen Tränken zu konzentrieren nichts anderes als das Überführen von Magie in einen stabilen Metazustand ist. Der Beweis ist somit auch empirisch zu erbringen, denn wir sollten nicht aus den Augen verlieren, dass Magie nicht zuletzt immer einen empirischen Charakter besitzt.
Dem aufmerksamen Zuhörer ist bestimmt es aufgefallen; dass das Beispiel des Heilers einen kleinen, aber für die arcane Kunst entscheidenden Fehler auf, denn die Magie ist dauerhaft an ihre festkörperliche Basis gebunden. Jeglicher Trank aus magischen Pflanzen - die ohne Magie schnell heilenden Pflanzen sollen uns hier nicht weiter interessieren, denn das ist nicht unsere Aufgabe sie zu behandeln - ist lediglich eine Konzentration von Magie, aber keines Falles eine Loslösung von Magie von ihrer festkörperlichen Basis. Der brauende Heiler geht also den Weg ein gutes Stück weit, aber er lässt das konsequente zu Ende gehen vermissen, das die Manenmagie so besonders macht. Denn nur die Manenmagie führt Magie vom Ursprung in einen Metazustand über, den Kern. Sie schafft sogar noch mehr, wenn das verlangt sein sollte. Sie vermag auch Magie von einem Metazustand in einen Metazustand überzuführen. Damit ist bewiesen, dass dieser Metazustand in der Behandlung dem Ursprungszustand gleich ist.
Wir sind nun an einem Punkt, wo es nötig erscheint, den Locus des Ursprungs näher zu beschreiben. Wie ich bereits erklärte geht die Zirkelmagie von konzentrischen Kreisen aus. Einem im Falle J'Osuis oder mehreren im Falle von Centax.
Izmir Aegal, mein erster Mentor der Manenmagie versuchte mir beizubringen, dass es sich keinesfalls um Zirkel handeln kann, von der wir unsere Energie beziehen, sondern dass es sich vielmehr um Sphären handeln muss, was mich auch Masam Perefor Ziut lehrte. Die Energie sei nämlich höherer Natur und liesse sich nicht in der Ebene erklären, was beide als Prämisse voraussetzen. Und in der Tat. Die Empirie lehrt uns, dass Magie nur in Körpern der dritten Dimension gespeichert werden kann, und das gilt fürwahr nicht nur für die Manenmagie sondern auch für andere Arten der gespeicherten Magie.
Ich muss sagen, ich war heftig verwirrt von dieser Feststellung, die meine Gedanken der Kreise gehörig durcheinander brachten, aber was anderes ist von einem ungebildeten Adepten anderes zu erwarten?
Dennoch erscheint es ratsam, die magische Energie als Kraft von höherer Dimension aufzufassen, ohne dabei ausser Acht zu lassen, dass jeder höheren Dimension die nächsttiefere zugrunde liegt. Ist es denn nicht so, dass die Armillarsphäre die Himmelskugel mit Hilfe von Ebenen zu unterteilen sucht? Ich gehe also davon aus, dass magische Energie in einem höher dimensionalen Raum in verschiedenen Sphären existiert. Der Einfachheit halber sei die Zahl der Dimension mit den Lebensaltern des Menschen gleichgesetzt, eine Parallele, welche nicht zu überraschen braucht, liegt sie doch in der Natur der Materie selbst. Die Sphären überlagern sich gegenseitig, da nichts, was jemals das Licht dieser Welt erblickte gerade und präzise ist. Akhrans Wege sind fürwahr verschlungen.
Ich gehe weiterhin davon aus das der magischen Grundkräfte drei sind. Das ist aber nicht mehr zwingend, denn die Erweiterung auf den Raum liesse ohne weiteres neun von unterschiedlichem Charakter zu, ohne dass auch nur eine einzige ihre Façon durch andere ersetzt zu fürchten brauchte. Das lehrte uns Professor Histoguil van Dannen auf überzeugende Art und Weise, in seinem Werk über die Kugelschnitte, einst, mittlerweile und heute.
Trotzdem will ich von drei Grundkräften ausgehen, die mir offenbar scheinen, obwohl ich der Überzeugung bin, dass es weiterer Meditation bedürfte, um die vorhergesagten Kräfte, also meines Erachtens die fehlenden sechs, zu manifestieren. Die drei bekannten Kräfte überschneiden sich in einem Körper, der in der Form ähnlich einer beschnittenen Linse ist.
Dieser Locus birgt die stärkste Energie. Diejenige, die alle bekannte Wirkung zulässt, denn ich bin mit Zentax überzeugt, dass es die richtige Magie braucht, um die richtige Wirkung zu erzielen. Diese Art der Magie birgt nun alle drei mir bekannten Eigenschaften, erlaubt es also auch sämtliche mir bekannten Wirkungen zu entfalten, wenn auch nicht mit optimalem Nutzen, denn oftmals genügt schon weniger schwierig zu erlangende Energie, um die erwünschte Wirkung zu erzielen, womit festgestellt wäre, dass diese Kernenergie besonders schwer zu erlangen und gerade auch zu kontrollieren ist, denn die Grundkräfte stehen in stetem Kampf zueinander und sie lassen sich nur ungern zusammen nutzen.
Die Kunst des Manenmagiers besteht nun darin, diese Energie aus dem unförmigen Körper in das Behältnis einer Sphäre überzuführen, was keine leichte Aufgabe ist. Es gilt dabei, die aus dem unförmigen Linsenkörper gewonnene Energie in einen Körper zu führen, dem naturgemäss die Heterogenität fehlt, der also keinerlei zu bevorzugende Stelle aufweist, auf den der Magier sich konzentrieren könnte, um die Energie überzuleiten; nein es ist vielmehr so, dass er die Struktur der Sphäre, der Kugel oder des Kernes gezielt penetrieren muss, wenn er nicht ein Abprallen der Energie provozieren will. Diese Stelle nun wieder zu verschliessen ist denn auch das grösste Problem, denn der Kampf der Kräfte lässt jedes instabile Behältnis unweigerlich platzen.
Ist die Translation aber erst einmal bewältigt, braucht der Manenmagier die Energie nur noch abzurufen, was die schiere Leichtigkeit erklärt, mit der Manenmagier zu zaubern scheinen. Trotzdem darf der Zauber an sich nicht unterschätzt werden, denn die Kontrolle der Energie geht wieder Hand in Hand mit einer gezielten Penetration des Fassungsbehältnisses, das nur zu leicht Schaden nimmt, und seine Energie unkontrolliert abgibt.
Es existiert eine Vielzahl von möglichen Fassungsbehältnissen, über die mein Mentor Perefor gerne referiert. Die richtige Wahl, die je nach gewünschtem Zauber schon bei der Sammlung der Energie die späteren Eigenschaften des Zaubers und somit des Behältnisses berücksichtigen muss, scheint dabei besonders wichtig, so dass mir für die gewissenhafte Empfehlung die nötige Erfahrung fehlt.
Es ist mir ein Anliegen, einem nicht eingeweihten Magier zu erläutern, wie Manenmagie bis anhin gelehrt wurde. Insbesondere mein Mentor Perefor Ziut verlegte sich auf die Orthodoxie, dass magische Energie grundsätzlich gleich sei mit anderer, dass der Ursprung keinerlei Morphologie aufweise, dass Magie prinzipiell homogen sei. Dem kann nicht genug widersprochen werden! Die Homogenität ist ein theoretisches Konstrukt. Auch ein Stoff, der wie die Fluten des Meeres rein zu sein scheint, ist doch, wie das Einkochen im Falle des Meerwassers beweist, nichts anderes als ein Gemisch. Genauso ist es mit der Magie.
Es ist deshalb wichtig, will man nicht Perlen vor die Säue werfen, um ein reichlich stickiges Sprichwort zu verwenden, dass man für jeden Zauber die richtige Art von Magie auswählt. Es entspricht der Verschwendungssucht eines Perefor Ziut, dass er grundsätzlich nur mit der hochstehendsten Magie zu zaubern beliebt. Es wundert, dass er kaum jemals unter Mangel an magischer Energie leidet, wird er doch allenthalben von solchen Engpässen bedroht, wie mein karges Essen in seinen Diensten bewies.
Ich möchte nun noch dem interessierten Leser die Grundarten der Magie präsentieren, die ich oben bereits erwähnt habe. Wie ich darlegte, ist es durchaus möglich, oder vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass es sich dabei nicht um alle Kräfte handeln kann, sondern dass es nur ein Ansatz zu einer Aufstellung der magischen Grundenergien sein kann.
Alagh-Ma, Sabegh-Ma und Tabet-Ma. Ma bedeutet das alte tikonische Wort für Kraft und Magie in einem. Es wäre zu erörtern, ob Ma zu den Silben der Urmagi gehört, ob also der MA-Magus, der sich hier zu manifestieren scheint, jemals existierte.
Alagh-Ma, ist eine Kraft, die Assoziationen zur Magie der Druiden weckt. Sie birgt Lebensnerv und Materie in einem.
Sabegh-Ma ist eine unbändige Kraft. Gleich dem Feuer, dass bald hierhin, bald dahin züngelt. Sie ist in gewissem Sinne die schwierigste der Kräfte. Sabegh-Ma ist von Licht erfüllt, und doch so schwarz wie die mondleere Nacht im Nebel.
Tabet-Ma nun ist eine Kraft, die leicht ist, wie der Wind. Stark, und doch weich. Sie lässt sich abweisen, nur um dann von anderer Seite einzudringen. Es ist eine ausdauernde Kraft, die durch Mark und Bein zu gehen vermag.
Es ist nun am Zauberer die richtige Art der Magie auszuwählen, um seinen Zauber nutzbringend und mit möglichst wenig Verschwendung von kostbarer Energie zu entfalten. Mitnichten wird er Alagh-Ma einsetzen um einen Feind mit Hilfe des Feuers zu vertreiben. Genau so wenig ist es angezeigt Sabegh-Ma heranzuziehen um sich an einen anderen Ort zu bewegen. Oder aber Tabet-Ma um einen starken Schutzwall um sich herum zu errichten.
Ihr seht, wie sehr eine weitere Beschäftigung mit der Magie von Nöten ist. Zuviel Wissen ist seit der Zeit der Ur-Magi verloren gegangen.

Tikon, Frühjahr 29 GT


Geschrieben von folini; zum letzten mal bearbeitet von seegras am 30 Nov 2002