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In den Gassen am Li-Fluss werden reichlich Worte getauscht

Kapitel XX: Über schwebende Ereignisse und stürmische Auswirkungen


Der schwebende Turm des Magus Perefor und der Tempel der Care


Tikon, vor etwa einem Monat...

Die Dunkelheit war schon früh gekommen an diesem Tage. Dicke, schwarze Wolken hatten sich am Himmel zusammengezogen und ein ungewöhnlich scharfer Wind peitschte durch die Gassen Tikons. Nur wenige Menschen wagten sich hinaus, und auch nur dann, wenn es dringend notwendig war. Der Sand aus den Wüsten schien seinen Weg durch alle Ritzen und selbst die dickste Kleidung zu finden - die Zähne knirschten und die Schuhe schienen mit jedem Augenblick schwerer zu werden.

Es lag etwas in der Luft.

Viele Gerüchte waren in dieser Zeit zu hören. Viele spekulierten, wie lange und wodurch sich der neue Regent Gloozi noch auf dem Thron halten würde. Was war mit der Prinzessin Nyala? Hatte sie tatsächlich den Schlafpalast wieder verlassen, mitsamt Gepäck und Gefolge? Und was war mit dessen Besitzer, dem Magiekollektor Perefor wirklich geschehen? Viele zweifelten, dass es bei dem Ritual mit rechten Dingen zugegangen sei und fühlten Bedauern mit seiner armen Gehilfin Sherîn-Rhani, die nun einsam und alleine auf seine Rückkehr wartete. Doch wartete sie wirklich? Hatte nicht ein Händler, der zufällig eines abends am Palast des Blauen Magiers vorbeigekommen war, sie durch ein offenes Fenster von Reiseplänen sprechen hören?

Nicht wenige mitfühlende Frauen und interessierte Männer warteten nur darauf, dass sich etwas tat, doch als es dann geschah, hatte keiner damit gerechnet.

In jener frühen Nacht sahen, wie sie im nachhinein unter grosser Anteilnahme berichteten, einige wache Augen eine dunkle Gestalt durch die Strassen Tikons eilen. Nicht, dass es nach Einbruch der Dunkelheit ungewöhnlich wäre, Menschen geschäftig durch Gassen und Wege gehen zu sehen, doch haftete diesem Unbekannten etwas an, was den Zuhörern der vielfältig erzählten Geschichten ein Schaudern auf die Haut zauberte: Denn nicht viele Menschen hatten in diesen Landen ein Gefolge von drei riesigen grauen Wölfen bei sich...

So erzählte dann eine alte Frau, die ein kleines Haus in der Nähe von Perefors Schlafpalast besass, auch folgendes:

"Ich war noch unterwegs gewesen, um mir meine Krüge mit Wasser zu füllen, denn es hatte mir mein Tölpel von einem Mann wieder vergessen, sie mit ihrem Deckel zu verschliessen. Und dann waren sie natürlich voll mit Sand!" Beifällige Bekundungen anderer Frauen und murrende Entgegnungen männlicher Zuhörer tat sie energisch mit einer Handbewegung ab. "Da seh' ich vor der Tür zum Turm zwei Leute steh'n und denk' mir nichts schlimmes dabei, will also gerade zu meinem Haus hinein, als eine riesige schwarze Bestie mit gelben Augen und einem höllischen Gestank an mir vorbeiwischt! Ich sag euch, mir blieb das Herze im Leib stehen und seh' wie das Tier zu diesen beiden Leuten läuft. Natürlich bin ich dann stehengeblieben, hab' mich in einen Hausgang gedrückt und geschaut - vielleicht war ja da was im Gange! Gehört hab ich ja nicht viel, weil sie so weit wegstanden, aber der Wind trug ein paar Worte zu mir... um Kisten ging's und um eine Katastrophe und über das Wetter haben sie auch geredet, weil sie irgendwas von Nebeln erzählten..."

"Na, jedenfalls drückt die grosse Gestalt der kleineren - und ich werde Recht haben, dass es die Gehilfin von dem Blauen war! - eine grosse Schachtel in die Hand, mit der sie dann verschwindet. Meine Güte, hatte ich Angst, das mich diese Bestien erwischen würden, die da herumliefen! Als die Sherîn-Rhani dann wieder auftaucht, reden sie noch kurz und eilen dann in Richtung Stadttor davon, mitsamt der Höllenbrut! Da bin ich natürlich in mein Haus und den Alten geweckt, aber der hat mal wieder nichts verstanden. Da red' ich minutenlang auf ihn ein, als es draussen einen gewaltigen Schepperer gibt! ´Ha!´, hab' ich ihm gesagt, ´Da ist doch was im Gange!´"

"Ich zerr' ihn natürlich gleich vor die Tür und bin da nicht die einzige, wie ich sehe, denn der Lärm hat auch andere vor's Haus gelockt. Mir bleibt das Herz fast steh'n, bei dem was ich da schau! Der Turm von dem Magus Perefor ist in ein Licht gehüllt, als ob die Götter eine grosse Lampe angezündet hätten und mit einem ohrenbetäubenden Krachen und blendenden Blitzen ruckt alles hin und her, bis er mit einem Mal vom Boden abhebt! Ich trau' meinen Augen nicht, aber alle anderen, die da mit mir standen, hatten den Mund mindestens so weit offen, wie ich! Ein Rauschen wird auf einem Mal laut, als ob alle Krüge und Brunnen der Stadt ihr Wasser verschütten würden und unter dem Turm sieht man eine gewaltige Wolke, auf der der Turm 'gen Himmel schwebt! Wir haben ja alle geglaubt, das fliegt dann alles davon oder fällt auf uns runter, aber in so zwanzig Mannshöhen blieb dort alles stehen..."

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Vor etwa vier Wochen erhob sich der Schlafpalast der Magiekollektors Perefor Ziut auf einer mächtigen Wolke in die Höhe von dreissig Metern über die Stadt und steht dort seitdem relativ ruhig. Ein Rauschen ist von dort beständig zu hören und eine leichte Brise weht permanent durch die Strassen Tikons. An manchen Tagen driftet der Palast um ein paar Meter in verschiedene Richtungen.

Mit Genehmigung der Stadtbaumeisterin und unter Zuhilfenahme örtlicher und wexxelhafter Handwerksmeister wird seitdem die ehemalige Grube unter dem Palast bebaut. Ein kleines Schild besagt:

"Hier entsteht der Tempel zu Ehren der Göttin CARE. Von den freundlichen Bürgern der Stadt Tikon für die Armen und Bedürftigen"


Geschrieben von wolf; zum letzten mal bearbeitet von seegras am 30 Nov 2002